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Zurück in die Selbstständigkeit: Wenn eine Kündigung plötzlich zur Chance wird

Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch, das mir in Erinnerung geblieben ist. Es war mit einer jungen Frau, die Anfang 2024 in die Vollselbstständigkeit gestartet war, später bei einem ihrer Kund:innen zusätzlich eine interne Teilzeitstelle übernahm und sich schließlich ganz bewusst wieder für den Weg zurück in die Vollselbstständigkeit entschied.

Nicht, weil eine Festanstellung grundsätzlich schlecht wäre. Warum auch? Ein Großteil der Steuern und Sozialversicherung ist bezahlt. Aber sie hat erlebt, wie belastend fehlende Wertschätzung, schlechte Führung und dauerhafte Anspannung werden können. Gleichzeitig hatte sie durch ihre parallel nebenberuflich weiterlaufende Selbstständigkeit einen direkten Vergleich dazu, wie sich Zusammenarbeit auf Augenhöhe anfühlt.

Am letzten Tag ihrer Anstellung bekam sie dann eine berufliche Chance, die kaum passender hätte kommen können: ein Interimsmandat mit Projektleitungsverantwortung bei einer großen Bank.

Für mich zeigt diese Geschichte sehr deutlich, dass die Frage „Selbstständigkeit oder Anstellung?“ nicht nur eine finanzielle Frage ist. Es geht auch darum, wie du arbeiten möchtest, unter welchen Bedingungen du gute Arbeit leisten kannst und welchen Preis du für vermeintliche Sicherheit bereit bist zu zahlen.

Inhaltsverzeichnis

Vom Start in die Vollselbstständigkeit zur Teilzeitanstellung

Die junge Frau war seit Anfang 2024 vollständig selbstständig. Sie arbeitete mit eigenen Kund:innen und baute sich Schritt für Schritt ihr Business auf.

Mit einem ihrer Kunden entwickelte sich über längere Zeit eine besonders gute Zusammenarbeit. Beide Seiten kannten sich, die Arbeitsweise funktionierte und es entstand Vertrauen. Nach mehr als einem Jahr ergab sich daraus die Möglichkeit, eine interne Teilzeitstelle im Unternehmen zu übernehmen.

Das kann auf den ersten Blick sehr attraktiv sein: mehr finanzielle Planbarkeit durch eine Anstellung und gleichzeitig die Möglichkeit, das eigene Business weiterzuführen. Genau dafür entschied sich auch die junge Frau.

Ihre Selbstständigkeit gab sie nicht auf. Sie arbeitete weiterhin mit eigenen Kund:innen zusammen.

Und genau das wurde später entscheidend.

Kurz erklärt: Vollselbstständigkeit

Bei einer Vollselbstständigkeit bildet die selbstständige Tätigkeit den beruflichen Schwerpunkt. Anders ist es bei einer nebenberuflichen Selbstständigkeit, die zusätzlich zu einer hauptsächlichen Anstellung ausgeübt wird.

Wenn sich durch einen Führungswechsel alles verändert

Nach einem Wechsel in der Führung veränderte sich aus ihrer Sicht die bislang so gute Arbeitssituation deutlich.

Die Zusammenarbeit, die sie vorher positiv erlebt hatte, fühlte sich plötzlich ganz anders an. Sie berichtete mir von fehlender Wertschätzung, Ausgrenzung und einer Atmosphäre, die sie zunehmend als Spießrutenlauf empfand. Sie hatte das Gefühl, dass gegen sie gearbeitet wurde und sich im Hintergrund Dynamiken entwickelten, die sie als Intrigen wahrnahm.

Ich möchte hier bewusst unterscheiden: Ich war nicht Teil des Unternehmens und kann deshalb nicht beurteilen, was intern tatsächlich passiert ist oder wie andere Beteiligte die Situation gesehen haben. Was aber deutlich wurde, war die Belastung, die diese Situation für die junge Frau bedeutete.

Schlechte Führung ist nicht immer laut

Belastende Führung zeigt sich nicht zwangsläufig in einem großen Konflikt. Manchmal sind es viele kleine Dinge: Informationen werden nicht weitergegeben, Menschen werden aus Gesprächen ausgeschlossen, Entscheidungen werden über ihren Kopf hinweg getroffen oder gute Arbeit wird kaum noch gesehen.

Jede einzelne Situation mag klein wirken. In der Summe können solche Erfahrungen aber sehr belastend werden.

Die entscheidende Frage ist für mich deshalb nicht, ob Arbeit manchmal anstrengend ist. Natürlich ist sie das. Entscheidend ist, ob du dich trotz Konflikten grundsätzlich respektiert fühlst und Probleme offen ansprechen kannst.

Sinnbild Gründen aus der Kündigung: Händedruck im Businesskontext

Warum Wertschätzung im Arbeitsleben so wichtig ist

Wertschätzung bedeutet nicht, dass du ständig gelobt wirst oder immer alles harmonisch abläuft.

Für mich bedeutet Wertschätzung vor allem, respektvoll miteinander umzugehen, klar zu kommunizieren und andere als kompetente Menschen ernst zu nehmen. Auch Kritik gehört dazu. Entscheidend ist nur, wie sie geäußert wird.

Genau an diesem Punkt wurde die parallellaufende Selbstständigkeit der jungen Frau besonders wichtig. Denn während sie ihre interne Arbeit immer belastender empfand, erlebte sie bei ihren eigenen Kund:innen und neuen Auftraggebern etwas ganz anderes:Dort wurde ihre Expertise geschätzt. Sie konnte ihre Meinung einbringen, wurde ernst genommen und arbeitete mit den Kund:innen auf Augenhöhe zusammen.

Dieser direkte Vergleich machte ihr etwas klar: Arbeit muss sich nicht grundsätzlich so anfühlen wie in ihrer aktuellen Anstellung.

Kündigen wegen schlechtem Arbeitsklima: Wann ist der Preis zu hoch?

Es gibt keine allgemeingültige Antwort darauf, wann jemand kündigen sollte. Ein Streit mit einer Führungskraft oder eine stressige Projektphase ist noch kein automatischer Grund, einen Job aufzugeben.

Trotzdem blieb mir aus unserem Gespräch eine Frage besonders im Kopf:

Was kostet mich diese Arbeit eigentlich?

Damit meine ich nicht nur Geld oder Arbeitszeit. Ein belastender Job kann Energie, Schlaf, Motivation, Konzentration und Lebensqualität kosten.

Wenn du nach Feierabend gedanklich ständig bei Konflikten aus dem Job bist oder bereits am Wochenende Angst vor Montag bekommst, endet deine Arbeitszeit nicht mehr wirklich mit dem Feierabend.

Für die junge Frau war irgendwann klar: Der Preis war ihr zu hoch.

Kündigen ist nicht automatisch Scheitern

Wir interpretieren Kündigungen manchmal sehr schnell als Aufgeben. Dabei kann eine Kündigung auch eine bewusste Entscheidung sein.

Du kannst feststellen, dass eine bestimmte Form der Zusammenarbeit nicht mehr zu dir passt. Du kannst erkennen, dass deine Grenzen erreicht sind. Und du kannst entscheiden, deine Energie an anderer Stelle einzusetzen.

Gerade wenn du über eine Kündigung nachdenkst, würde ich dir empfehlen, nicht nur emotional, sondern auch ganz praktisch auf deine Situation zu schauen:

  • Ist die Belastung nur vorübergehend oder dauerhaft?
  • Habe ich versucht, Probleme anzusprechen?
  • Gibt es realistische Möglichkeiten, die Situation zu verbessern?
  • Welche Auswirkungen hat der Job auf mein Privatleben und meine Gesundheit?
  • Welche finanziellen Alternativen habe ich?
  • Welche Kontakte, Kund:innen oder beruflichen Möglichkeiten stehen mir bereits zur Verfügung?

Eine Kündigung sollte nicht leichtfertig erfolgen. Aber sie ist nicht automatisch eine Niederlage.

Zurück in die Selbstständigkeit

Die junge Frau entschied sich schließlich dafür, ihre Teilzeitstelle auf eigenen Wunsch zu kündigen und wieder vollständig selbstständig zu arbeiten.

Spannend finde ich vor allem, dass sie wusste, worauf sie sich einließ. Sie hatte bereits Erfahrung mit Selbstständigkeit. Sie kannte Kundengewinnung, schwankende Auftragslagen, Buchhaltung und die Verantwortung, die ein eigenes Business mit sich bringt.

Ihre Entscheidung entstand also nicht aus einer romantischen Vorstellung von Freiheit. Sie konnte beide Arbeitswelten vergleichen und entschied sich ganz bewusst (erneut) für die Selbstständigkeit.

Zurück in die Selbstständigkeit heißt nicht zurück auf null

Wer aus einer Anstellung wieder in die Selbstständigkeit wechselt, startet nicht automatisch von vorne.

Du nimmst Erfahrungen mit, Kontakte, Referenzen, Fachwissen und häufig auch viel mehr Klarheit darüber, wie du künftig arbeiten möchtest.

Gerade schwierige berufliche Erfahrungen können dir helfen, deine eigenen Grenzen besser zu verstehen. Du weißt danach vielleicht genauer, mit welchen Kund:innen du arbeiten möchtest, welche Projekte zu dir passen und welche Form der Zusammenarbeit für dich nicht mehr infrage kommt.

Das Interimsmandat am letzten Arbeitstag

Und dann kam der Teil der Geschichte, der mich besonders beeindruckt hat.

Am letzten Tag ihrer Anstellung erhielt die junge Frau über einen Personalvermittler ein Interimsmandat. Sie wurde von heute auf morgen für eine Projektleitungsfunktion bei einer großen Bank eingesetzt und übernahm dort direkt volle Verantwortung für die Umsetzung eines entscheidenden Projekts.

Der Gegensatz könnte kaum größer sein: Kurz zuvor hatte sie sich in ihrer Anstellung ausgegrenzt und wenig wertgeschätzt gefühlt. Wenig später vertraute ihr ein anderes Unternehmen eine verantwortungsvolle Projektleitung an.

Die Person hatte sich nicht verändert. Ihre Fähigkeiten waren dieselben. Nur das Umfeld war ein anderes.

Genau deshalb finde ich es so wichtig, den eigenen beruflichen Wert nicht ausschließlich daran festzumachen, wie man in einem bestimmten Unternehmen behandelt wird.

War das Karma?

Man könnte scherzhaft sagen: perfektes Karma.

Aber ich finde eine andere Sichtweise hilfreicher.

Das Mandat kam nicht einfach aus dem Nichts. Die junge Frau hatte Erfahrung, ein Netzwerk, Kontakte, eine laufende Selbstständigkeit und offensichtlich ein Profil, das für dieses Projekt interessant war.

Der Zeitpunkt war Glück. Die Grundlage dafür hatte sie aber vorher selbst geschaffen.

Und genau darin steckt für mich die eigentliche Botschaft: Du kannst Chancen nicht immer planen. Aber du kannst dafür sorgen, dass du vorbereitet bist, wenn sie auftauchen.

Kurz erklärt: Interimsmandat

Bei einem Interimsmandat übernimmt eine externe Fach- oder Führungskraft für einen begrenzten Zeitraum eine konkrete Aufgabe in einem Unternehmen. Das kann zum Beispiel eine Projektleitung, eine Übergangsposition oder die Umsetzung eines bestimmten Projekts sein.

Sinnbild: Gründen aus der Kündigung. Eine junge Frau sitzt an einem Couchtisch und tippt auf einem Laptop

Was Selbstständige aus der Geschichte lernen können

Aus einem einzelnen Erlebnis würde ich nie eine allgemeine Erfolgsformel ableiten. Trotzdem enthält diese Geschichte einige Punkte, die gerade für Gründer:innen und Soloselbstständige interessant sind.

Halte dein Netzwerk lebendig

Aufträge entstehen nicht immer über klassische Werbung. Empfehlungen, frühere Kolleg:innen, Kund:innen, Personalvermittler:innen und Geschäftskontakte können genauso wichtig sein.

Deshalb lohnt es sich, Beziehungen langfristig zu pflegen und klar zu kommunizieren, was du kannst und welche Probleme du für Unternehmen löst.

Baue dir mehrere Möglichkeiten auf

Die junge Frau hatte einen großen Vorteil: Ihre Selbstständigkeit lief parallel zur Anstellung weiter. Dadurch war ihre berufliche Existenz nicht ausschließlich von ihrem Arbeitgeber abhängig.

Das bedeutet nicht, dass jede:r gleichzeitig angestellt und selbstständig sein sollte. Aber es zeigt, wie wertvoll Alternativen sein können.

Je mehr berufliche Möglichkeiten du hast, desto freier kannst du Entscheidungen treffen.

Mach dich nicht vollständig von einem Auftraggeber abhängig

Auch in der Selbstständigkeit kann Abhängigkeit entstehen. Wenn ein einzelner Kunde fast deinen gesamten Umsatz ausmacht, hast du zwar formal mehrere Freiheiten, wirtschaftlich aber nur wenig Spielraum.

Kurz erklärt: Risikomanagement

Risikomanagement bedeutet, mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen und ihre Auswirkungen zu begrenzen. In der Selbstständigkeit kann das zum Beispiel bedeuten, mehrere Kund:innen zu haben oder finanzielle Rücklagen aufzubauen.

Finanzielle Rücklagen schaffen Entscheidungsfreiheit

Rücklagen sind nicht nur für schlechte Monate wichtig. Sie beeinflussen auch, welche Entscheidungen du treffen kannst.

Wenn du weißt, dass du einige Monate deine Kosten decken kannst, musst du einen schlechten Auftrag oder eine belastende Zusammenarbeit nicht aus reiner Existenzangst fortsetzen.

Nimm deine Grenzen ernst

Nicht jede schwierige Situation verlangt eine sofortige Kündigung. Aber du musst auch nicht jede Situation unbegrenzt akzeptieren.

Du darfst einen Auftrag ablehnen, einen Vertrag beenden, eine Anstellung kündigen oder deine berufliche Richtung verändern.

Selbstständigkeit bedeutet schließlich auch, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen.

Selbstständigkeit oder Anstellung: Was ist besser?

Diese Geschichte ist für mich ausdrücklich kein Plädoyer gegen Festanstellungen.

Eine Anstellung kann dir Planbarkeit, ein regelmäßiges Gehalt und klare Strukturen bieten. Die Selbstständigkeit kann dir mehr Gestaltungsmöglichkeiten geben, bringt aber gleichzeitig mehr wirtschaftliche Verantwortung mit sich. Und wie wir an der jungen Frau gesehen haben, ist auch die Kombination von beiden Welten eine tolle Möglichkeit!

Was besser zu dir passt, hängt davon ab, wie du arbeiten möchtest und in welcher Lebenssituation du dich befindest.

Anstellung

  • Regelmäßigeres Einkommen
  • Mehr vorgegebene Strukturen
  • Weniger Akquise notwendig
  • Führungskräfte beeinflussen den Arbeitsalltag
  • Weniger wirtschaftliche Eigenverantwortung

Selbstständigkeit

  • Einnahmen können schwanken
  • Mehr eigene Entscheidungen
  • Kund:innengewinnung gehört dazu
  • Du kannst Kund:innen stärker auswählen
  • Mehr unternehmerisches Risiko

Selbstständigkeit ist deshalb auch kein automatischer Ausweg aus einem schlechten Arbeitsumfeld.

Auch Kund:innen können schwierig sein. Auch Selbstständige haben Stress, Konflikte und finanzielle Unsicherheit.

Der Unterschied ist vor allem, dass du dein berufliches Umfeld langfristig stärker selbst gestalten kannst.

Wenn du aus einem schlechten Job in die Selbstständigkeit möchtest

Dann würde ich dir empfehlen, nicht nur zu fragen:

Wovon möchte ich weg?

Sondern vor allem:

Wohin möchte ich?

Welche Leistung möchtest du anbieten? Wer sind deine Kund:innen? Wie möchtest du Aufträge gewinnen? Welche Preise brauchst du? Und wie sieht dein finanzieller Plan aus?

Ein tragfähiges Business entsteht nicht allein dadurch, dass du deinen bisherigen Job nicht mehr möchtest.

Manchmal zeigt dir eine schwierige Situation, was du wirklich möchtest

Die Geschichte dieser jungen Frau ist mir deshalb im Kopf geblieben, weil sie für mich nicht einfach nur von einer Kündigung erzählt.

Sie zeigt, wie wichtig Wertschätzung im Arbeitsleben ist. Sie zeigt, welchen Unterschied ein Umfeld machen kann. Und sie zeigt, wie hilfreich es sein kann, sich berufliche Alternativen aufzubauen.

Die junge Frau hatte ihre Selbstständigkeit nicht aufgegeben. Sie hatte Kund:innen, Erfahrung und Kontakte. Dadurch wusste sie, dass Zusammenarbeit auch anders funktionieren kann.

Irgendwann entschied sie, dass der Preis für ihre aktuelle Anstellung zu hoch geworden war. Sie kündigte. Und ausgerechnet am letzten Arbeitstag entstand die nächste berufliche Chance: ein Interimsmandat in einer verantwortungsvollen Projektleitungsfunktion.

Die Botschaft daraus ist für mich nicht: „Kündige und alles wird gut.“

Sondern vielmehr:

Nimm ernst, wie du arbeiten möchtest. Baue dir Möglichkeiten auf. Und verwechsle die Art, wie ein einzelnes Unternehmen dich behandelt, nicht mit deinem tatsächlichen beruflichen Wert.

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